Schlagwort: Schlesisches Porzellan

Porzellan aus Schlesien – der Zauber von Silesia (Teil 1)

“Eigentlich fing alles bei einer Tasse Kaffee an”  – das sollte mein erster Satz werden, aber so ganz passt es nicht. Es fing nämlich genau genommen nicht mit einer Tasse Kaffee, sondern mit einer Kaffeetasse an, oder, noch genauer – sogar mit zweien.

Bei einer meiner Touren durch die einschlägigen Läden und Märkte im Umland sah ich in einem der zahllosen  Regale mit zahllosen Dingen, von denen möglicherweise viele kein Mensch jemals mehr brauchen wird, zwei Tassen mit Untertassen stehen. Nun gibt es auf Flohmärkten und in Trödelläden Kaffee- und anderes Geschirr zu Hauf, manches ist nett, vieles – naja, und so ging ich erst einmal an den Tassen vorbei. Aber wie es mir schon ein paarmal ergangen ist, wenn mein Blick eigentlich nur oberflächlich über etwas hinhuschte – da war etwas, das mir aufgefallen sein muss, das mich ansprach und mich veranlasste, noch einmal zurück zu gehen und genauer hinzusehen.

Zwei Kaffeetassen. Wer gelegentlich durch Trödelläden und über Flohmärkte zieht, weiß: Es gibt unendlich viel Plunder und Ramsch. Aber ab und zu ist mal etwas richtig Schönes dabei – und ganz gelegentlich finde ich einen Schatz. Aber erst einmal – auf den ersten Blick zwei Kaffeetassen. Auf den zweiten Blick fiel mir das Dekor auf – das war nicht der typische 50er-Jahre-Stil, das war anders. Jugendstil? Art Deco? Art Deco auf dem Weg zum Jugendstil? Ganz sicher war ich nicht so bei schummeriger Beleuchtung, im Gedränge und in Eile. Die Marke konnte ich nicht zuordnen: Königszelt Silesia. Nie gehört. Mitgenommen habe ich die Tassen trotzdem.

Erst zu Hause auf dem Tisch fiel mir ihre ganze Schönheit auf, und nach ein paar Recherchen hatte ich die Marke erklären können und gelernt, dass meine Kaffeetassen aus der Zeit um 1900 und ein bisschen stammen, zwei Kriege überstanden hatten und eine Menge Wirrnisse und Aufregung. Zwei Tassen der Marke Königszelt Silesia wohnen seither in unserem Küchenschrank.

Und damit nahm eine Faszination ganz neuer Art ihren Anfang: Die für Schlesisches Porzellan.

Silesia – das berühmte “weiße Gold” aus Schlesien

Meissen, KPM, Nymphenburg – das sind die ganz großen Namen deutscher Porzellankunst. Allerdings blieben die Pretiosen aus deren Werkstätten für eine sehr lange Zeit königlichen und fürstlichen Tafeln vorbehalten. Porzellan wurde nämlich nicht nur ‘weißes Gold’ genannt, es war in der Tat Gold wert, spülte es doch wie im Falle der Königlich Preußischen Manufaktur KPM, die 1751 mit Unterstützung Friedrichs des Großen gegründet wurde, nicht nur Ruhm und Ehre, sondern neben Glanz auch bares Geld in die königlichen Kassen. Der König vergab die Konzession für die Herstellung der kostbaren Waren und beschränkte sich hier erst einmal auf die Königlich Preußische Manufaktur, die damit ein Monopol für die Herstellung von Porzellan besaß.  Erst als sich Preußen 1806 Napoleon geschlagen geben musste und sich nicht zuletzt deswegen gezwungen sah, 1810 eine ganze Reihe von Reformen zu verabschieden, wurde das anders. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt, und KPM verlor die Monopolstellung. Damit wurde es auf einmal möglich, Porzellan auch in anderen Gegenden herzustellen – unter anderem in Schlesien.

Schlesien, das liegt für uns heute weit entfernt. Es ist ein Teil Polens. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten aber weite Teile Schlesiens zu Preußen bzw. später zum Deutschen Reich. Von Berlin, dem damaligen Zentrum Deutschlands, liegt Schlesien gar nicht so weit weg. Die Entfernung zwischen Berlin und Breslau ist ungefähr so groß wie die zwischen Berlin und Bremen.  Aber das allein war natürlich kein Grund, ausgerechnet dort Porzellan herstellen zu wollen. Ausgedehnte Wälder, vor allem aber das Vorhandensein der für die Porzellanproduktion wichtigen Grundmaterialien, wie Feldspat und Quarz, begünstigten den raschen Aufbau einer Porzellanindustrie und das Entstehen der Porzellanregion Silesia. Porzellanregion? Genau. ‘Silesia’ ist durchaus eine Marke, aber es gab viele Manufakturen, die unter unterschiedlichen Namen bekannt wurden, alle aus derselben Region in Schlesien. Die ersten Werkstätten wurden 1820 gegründet, und anfangs entwickelte sich die Porzellanindustrie noch recht beschaulich. Gut dreißig Jahre später aber sah das ganz anders aus. 1855 arbeiteten 42,4 Prozent aller in Preußen in diesem Industriezweig Beschäftigten in Schlesien. KPM musste sich warm anziehen.

Allerdings bespielten die schlesischen Manufakturen zunächst noch einen ganz anderen Porzellanmarkt. Während KPM die uns noch heute bekannten prächtigen und repräsentativen Geschirre herstellte, mit dem Kaiser und Könige ihre Tafeln beluden, wurde in Schlesien anfangs vor allem so genanntes Gebrauchsgeschirr produziert, Porzellan also, dass sich auch weniger Wohlhabende durchaus leisten konnten. Diese Nische aber wurde schnell erweitert. Die schlesischen Fabriken begannen, Geschirr für Hotels herzustellen, und sicherten sich damit nicht nur einen recht stabilen Kundenkreis, sondern trugen auf diese Weise auch dazu bei, das Porzellan im 19. Jahrhundert bekannter zu machen, lagen die Hotels doch weit gestreut und erreichten viele Menschen.

Doch die schlesischen Werkstätten brachten viele kreative Geister hervor, die mehr wollten als das. Einzelne Manufakturen begannen daher bald, so genannte Waren des gehobenen Bedarfs herzustellen. Dazu gehörten Luxusgeschirre, Prunkvasen und Dekorationsgegenstände für anspruchsvolle Käufer — alles aus feinstem Porzellan natürlich.

Unternehmerischer Mut, der sich lohnen sollte, das zeigte sich bald. Damit begann eine Blütezeit des schlesischen Porzellans im Deutschen Kaiserreich, die erst einmal bis 1918 dauern sollte. Aber dies ist eine Geschichte, die es an anderer Stelle weiterzuerzählen gilt …

Stay tuned 😉

Die Tassen, mit denen alles begann

 
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