Schlagwort: Emma Schumacher

Lesetipp: Ein Zwanziger-Jahre-Krimi – Emma Schumacher und der verschwundene Professor

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Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal einen Roman zum Lesen empfohlen habe, das muss schon eine ganze Weile her sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Laufe eines langen Lese-Lebens schon so viel gelesen habe, dass ich nicht mehr so schnell begeistert bin wie einst. Jedenfalls lese ich immer noch, aber hauptsächlich Sach- und Fachbücher, die – das muss ich vielleicht erklärend anfügen – für mich ebenso viel Unterhaltungswert haben können wie ein Roman, wenn mich das Thema interessiert. Und es gibt eben viele Themen, die mich interessieren …

Belletristik verlockt mich nur noch selten. Insofern war es ein glücklicher Umstand, dass ich  “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” von Andrea Instone überhaupt gelesen habe. Erstens, weil er eigentlich gar nicht meinem literarischen Beuteschema entspricht, denn ich dachte immer, ich wäre durch mit Kriminalromanen. Und zweitens, weil ich, nachdem ich einmal angefangen habe, ihn mit großem Vergnügen gelesen habe.

Worum geht’s?

Emma Schumacher, gerade zwanzig Jahre alt, führt in den 1920er Jahren seit dem frühen Tod ihrer Mutter in England ein behütetes, aber auch ein etwas langweiliges Leben bei ihrer Großmutter. Ihr Alltag besteht überwiegend darin, kleine Besorgungen zu erledigen und es gleichzeitig zu vermeiden, in die Spannungen zwischen der ebenso liebe- wie würdevollen Großmutter, der lebenslustigen Tante und deren Freunden zu geraten. Ihren Vater sieht sie selten.  Er lebt in Deutschland und geht als Professor  ganz in seiner Arbeit als  Ägyptologe an der Universität  Bonn  auf. Die innige Beziehung zwischen Vater und Tochter wird, abgesehen von Emmas jährlichen Besuchen, vor allem durch einen sehr persönlichen Briefwechsel aufrecht erhalten. Und so fällt es Emma sofort auf, als die Briefe ihres geliebten Vaters auf einmal etwas sonderbar erscheinen. Emma hegt den dringenden Verdacht, das da etwas nicht stimmt, nimmt ihren Mut zusammen und begibt sich ganz außerplanmäßig auf die Reise nach Bonn, wo sie, unterstützt von zwei Tanten, einem väterlichen Franzosen, einem charmanten Engländer und der Polizei, sich nicht nur plötzlich umschwärmt sieht von gleich mehreren interessanten jungen Männern, sondern auch hilft, kriminelle Machenschaften aufzuklären. Am Ende der Geschichte hat sie einen großen Schritt in ein selbstständiges, erwachsenes Leben getan, neue Menschen kennengelernt, und vor allem: ein bisschen besser sich selbst.

Andrea Instone hat in ihrem ersten Roman die Stimmung der Zwanziger Jahre gekonnt eingefangen – selbst im damals noch etwas provinziellen Bonn muss das eine bewegte Zeit gewesen sein: Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange vorbei,  der Kaiser hatte abgedankt, die Frauen trugen kurze Röcke und kurze Haare und gingen bezahlter Arbeit nach, die Menschen wollten das Leben wieder genießen, als ahnten sie, dass dieser frische Wind nicht lange anhalten würde. Aber so weit sind wir ja noch nicht …

Andrea ist Bonnerin und kennt sich ganz offenbar nicht nur in ihrer Geburtsstadt gut aus, das ist ihrem Roman anzumerken. Jeder, der ihren Blog “Michou (loves vintage)”  kennt, weiß, dass sie sich auch ausführlich mit der Mode der 20er, 30er und 40er Jahre beschäftigt hat und auch mit der Rolle der Frau, nicht nur zu jener Zeit.  Alles das trägt dazu bei, ihren ersten Roman zu einer dicht erzählten Geschichte zu machen, in der Lokalkolorit und Zeitkolorit auf das Angenehmste miteinander verschmelzen. Und sie kann schreiben. Das zeigt sich in einem ganz eigenen Stil – ein wenig der Zeit angepasst, in der die Geschichte spielt. Langsamer als in vielen anderen Romanen, die aktuell veröffentlicht werden, unaufgeregter wird die Geschichte entwickelt, deswegen aber nicht weniger spannend. Wer allerdings bei einem Krimi Thrilleratmosphäre und blutige Details sucht, kommt hier nicht unbedingt auf seine Kosten. “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” spielt nicht nur in den 20er Jahren, er ist auch in Sprache und Erzählweise beeinflusst vom Tempo vergangener Zeiten. Mir gefällt das. Ich habe den Roman so gelesen, wie ich das früher auch mal gemacht habe – bei einer Tasse Tee, während der Arbeitspause am Nachmittag. Fast hatte ich vergessen, wie entspannend das sein kann.

Ich bin gespannt auf die nächsten Bände – und was in Bonn wohl so los gewesen ist in den späteren Zwanziger und den Dreißiger Jahren. Und wie Emma sich dabei schlägt. Ganz sicher werde ich mitlesen 😉